Menschen und Organisationen im Wandel

Aussteigen - Umsteigen
28. August 2013
Liebe Leserinnen und Leser

„Aussteigen – Umsteigen. Wege zwischen Job und Berufung“ heisst ein bemerkenswertes Buch von Mathias Morgenthaler und Marco Zaugg (Zytglogge Verlag, 2013). Fünfundvierzig Interviews mit Frauen und Männern, die zur Verwirklichung ihrer Lebensträume die gewohnten Berufs- und Karrierewege verlassen haben, ergeben ein bewegendes Bild von Menschen, welche ihrer Mission und Leidenschaft gefolgt sind.

In ihrer Vielfalt machen die Interviews uns Mut, in unserem eigenen Leben das zu tun, was uns wirklich wichtig ist. Das Lesen animiert, uns unseres eigenen Weges bewusster zu werden und erste Schritte zu wagen. Als möglichen Anstoss möchte ich für Sie drei aus meiner Sicht eindrückliche Beispiele herausgreifen, die auch in der hier konzentrierten Form selbst für sich sprechen.

Im Anschluss zeige ich anhand eines eigenen beispielhaften Coachings auf, was begleitende Beratung auf dem Weg zur Vision leisten kann.

Weitere Infos
    

Cornelius Robin, Gründer von Switcher

Nach dem Verfolgen einer Fernsehreportage über Jimmy Carter, in der man den damaligen US-Präsidenten in legerer, unüblicher Kleidung joggen sah, kam Cornelius Robin auf die Idee, dass er mit dem Verkauf von bequemer Sport- und Freizeitbekleidung während des Studiums mehr Geld verdienen könnte als mit Taxifahren. Also besorgte er Sweatshirts aus Portugal und begann diese an Schweizer Druckereien und Läden zu verkaufen – die Geburtsstunde von Switcher.
    


Bereits nach einem Jahr reiste Robin das erste Mal nach Indien, um die Shirt-Produktion vor Ort zu optimieren. Die Konfrontation mit der sichtbaren Armut veränderte sein ganzes Leben. Er engagierte sich auf privater Basis sofort für den Aufbau einer Schule, geschäftlich rückten für ihn soziale und ethische Werte in den Vordergrund. Switcher versteht sich seither nicht nur als Textilhändler, sondern auch als ein Unternehmen mit hohen ethischen Ansprüchen, das für eine faire und nachhaltige Produktion einsteht. Geld stand für Robin nur ganz am Anfang der Firmengründung im Fokus. Natürlich möchte er, dass Switcher finanziell erfolgreich ist und einen vernünftigen Cash-Flow erwirtschaftet. In erster Linie will er jedoch gesellschaftlich Wertvolles tun. Die frühe Erarbeitung und Durchsetzung eines Switcher-Verhaltenskodex für Lieferanten oder die Einführung einer 100% Bio-Kollektion sind beispielhaft.

Robin ist ein beeindruckender Mensch und Unternehmer, wie zwei Zitate aus seinem Interview belegen: „Die meisten Menschen denken zu viel und wagen zu wenig.“ … „Es ist unglaublich, was möglich ist, wenn wir uns von Intuition und Empathie leiten lassen, wenn wir das kollektive Unbewusste, wie C.G. Jung es genannt hat, anzapfen. Wir haben viel grössere Kapazitäten als unseren Intellekt – wir müssen nur die Antennen wieder auf Empfang schalten. Wer mit kindlicher Neugier durchs Leben geht, stellt mit Erstaunen fest, wie sich immer wieder genau das Richtige ergibt. Diese Synchronizität beeindruckt mich. Ich stehe in einer wildfremden Stadt, jemand spricht mich an – und wenig später reden wir über gemeinsame Projekte.“
Haenni Loïse, Artistin

Nach ihrem erfolgreichen Anthropologie- und Geschichtsstudium bot ein Professor Loïse an, bei ihm eine Doktorarbeit zu schreiben und damit eine erfolgsversprechende akademische Karriere zu starten. Doch sie fürchtete sich vor dieser für sie zu theoretischen Arbeit.
    


Sie hatte gegen Schluss des Studiums viel Gewicht verloren und war kurz davor, an einer Depression zu erkranken. Gleichzeitig sah sie aber kaum Alternativen zur akademischen Laufbahn.

In diesem Dilemma wurde sie durch den Hinweis einer Freundin auf Artistenkurse in Madrid aufmerksam. Ihr gefiel die Vorstellung, die belastende Umgebung zu verlassen und an einem neuen Ort besser für sich Sorge zu tragen. Schliesslich entschied sie sich, sich an der National Circus School of Rio de Janeiro in Brasilien anzumelden, obwohl sie als 27jährige dafür eigentlich bereits zehn Jahre zu alt war. Sie wollte Ihrem Traum jedoch ein Jahr Kredit geben und stürzte sich voll und ganz in dieses Abenteuer.

Heute reist sie mit ihrem Partner von Festival zu Festival und beeindruckt mit gewagter Akrobatik und ausgefeilten Choreografien. Es erfüllt sie mit grosser Befriedigung, wenn ihre Auftritte das Publikum berühren und nimmt dafür die tiefen Gagen und die damit verbundenen Unsicherheiten in Bezug auf Ihre Zukunft in Kauf. Sie bezeichnet es als Geschenk des Himmels, dass sie gewagt hatte, ihr Leben so auf den Kopf zu stellen.
Andrea Pfeifer, CEO von AC Immune

Andrea Pfeifer legte eine Blitzkarriere hin. Nach dem Pharmazie-Studium und der Dissertation forschte sie mehrere Jahre an einem renommierten Krebs-Institut in den USA. Nach ihrem Einstieg bei Nestlé wurde sie rasch Forschungschefin und führte 600 Mitarbeitende.
    


Nach 16 Jahren bei Nestlé hatte sie jedoch das Bedürfnis und den Mut auszusteigen und mit dem Start-Up der Firma AC Immune, die Medikamente gegen Alzheimer entwickeln will, noch einmal ganz von vorne zu beginnen. Auf die Hintergründe ihrer mutigen Entscheidung stossen wir in ihrer Biographie und Familiengeschichte: Beide Eltern waren an chronischen Krankheiten erkrankt und dank der unermüdlichen Hilfe und dem Kampf der Tochter konnte ihr Vater 15 zusätzliche Jahre leben. Geprägt von diesen Erfahrungen entstand in ihr das Gefühl für ihren Auftrag: „Mein Leben hat dann einen Sinn, wenn ich mithelfen kann, chronische Krankheiten zu heilen.“ Aufgrund erster, erfolgsversprechender Forschungsresultate war das Gründungsteam von AC Immune im Jahr 2003 überzeugt, die Alzheimer Krankheit eindämmen zu können. Und AC Immune ist heute auf dem besten Weg dorthin. Seit der Wahl des Unternehmens zum Technologiepionier 2009 durch das World Economic Forum hat Frau Pfeifer viele Auszeichnungen erhalten, beispielsweise wurde sie im 2009 in der Schweiz zur „Unternehmerin des Jahres“ in der Kategorie Life Sciences gewählt.

Auf die Frage, was ihre grössten Stärken seien, antwortet sie: „Nebst der „Passion to win“ sind das eine ausgeprägte analytische Komponente, hohe Disziplin und Integrität, eine starke weibliche Intuition, ein grosses Herz und eine gehörige Portion Mut und Zuversicht. Es gibt eigentlich kein Vorhaben, das so gross wäre, dass ich es nicht mindestens in Erwägung zöge.“
Auf dem Weg zum erfolgreichen Unternehmer

Im hektischen Führungs- und Managementalltag kann es sinnvoll sein, sich auf dem eigenen Weg unterstützen und beraten zu lassen. Ich möchte Ihnen dazu ein Beispiel vorstellen.
    


Anfangs Jahr meldet sich bei mir ein Manager, weil für ihn das „Mass der Unerträglichkeit“ an Aufgaben und Ansprüchen überschritten ist. Der Klient wohnt in Basel, lebt in einer guten Vaterbeziehung zu seiner Tochter aus erster Ehe, arbeitet für einen deutschen Konzern primär im Ausland und besitzt ein grosses Haus im Tessin.

Vor einem Jahr verliebte er sich in eine wunderbare Frau. Er spürt eine innige Bindung zu ihr und möchte, dass diese Beziehung weiter wachsen kann. Ich ermutige ihn, der Beziehung hohen Wert zuzumessen und ihr mehr Zeit und Raum zu geben. Zusätzlich zu diesem bereits äusserst ausgefüllten Alltag verfolgt der Klient seit zwei bis drei Jahren eine neue, berufliche Vision. Er hat ein innovatives Konsumgut entwickelt und will dieses neben seinen beruflichen Verpflichtungen professionell und im grösseren Rahmen auf den Markt bringen. Was im ersten Moment im Kopf als zu viel und unvernünftig erscheint, hat aber viel Energie. Die Vision hat Kraft, das innere Feuer des Managers ist spürbar und das Produkt besteht aus ausgereiften Prototypen. Entsprechend bestärke ich ihn, seiner Vision und seinen unternehmerischen Impulsen zu vertrauen und weitere Schritte zur Realisierung zu wagen. Er gründet eine GmbH, baut in Basel die Produktionsanlage und entwirft einen realistischen Zeitplan. Intensiv erkunden wir zusammen, wie und ab wann er von seiner Managementaufgabe in Deutschland vorerst teilweise zurücktreten könnte. Es ist offensichtlich, dass er sich zusätzliche Zeiträume zu schaffen hat, sowohl für die Partnerschaft als auch für sein Unternehmen.

Ein aktueller Konflikt im Konzern spült seine Opferhaltung, sein Gelähmt-Sein in solchen Situationen in den Vordergrund. Er erkennt dies als Chance und wir arbeiten intensiv an seiner persönlichen Entwicklung und der damit verbundenen Konfliktfähigkeit. Er ist sich bewusst, dass er hier an Profil zuzulegen hat.

Sein unternehmerischer Weg und das Coaching gehen zurzeit noch weiter. An seinem Lebenslauf beeindruckt, dass er mit 28 Jahren völlig „ausgestiegen“ ist. Er hatte sein Studium abgebrochen und trat aus dem von der Mutter geführten Familienunternehmen aus, in dem er bereits eine wichtige Funktion übernommen hatte. Aber er empfand sein Engagement zu sehr als Pflicht. Der Impuls dazu gab ihm eine Eingebung. Im Suchen, was er selbst wirklich wollte, bekam er plötzlich klare, innere Bilder.

Nach ersten Zweifeln brachte er den Mut auf, seiner Vision zu folgen. Gegen Kost und Logis konnte er in Spanien in einem bekannten Vorzeigeunternehmen ein langes Praktikum absolvieren. Danach fügte sich alles. Er fand in der ganzen Welt weitere Praktikantenstellen und holte die entsprechende Ausbildung nach. Anschliessend studierte er in Frankreich und übernahm zurück in der Schweiz sukzessive Führungs- und Managementaufgaben. Der damals sehr mutige, seinem Herzen folgende Weg bestärkt ihn heute, seinen neuen, inneren Bildern und weiterführenden Visionen erneut zu vertrauen und ihnen unternehmerisch zu folgen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie spüren, welches die für Sie wirklich wichtigen Aufgaben sind und dass Sie den Mut und die Kompetenz dazu haben oder entwickeln, die für Sie richtige Bühne zu betreten.

Mit spätsommerlichen Grüssen

Reto Zbinden
Editieren oder Abmeldung dieses Newsletters